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Spiess Motorenbau – das Herz von erfolgreichen Rennwagen
Ein Gespräch zwischen Jürgen Preuß und Holger Spiess über unsichtbare Sieger, Väter, Drehzahlen und die Frage, warum ein Vierzylinder manchmal klüger ist als sein Fahrer.
Es gibt Firmen, die stehen auf jedem Werbebanner. Und es gibt Firmen wie Spiess Motorenbau aus Ditzingen – die stehen auf keinem Banner, aber in fast jedem Siegerkranz der vergangenen fünfzig Jahre irgendwo mit drin. Unzählige Rennen, Meisterschaften, Podestplätze wurden mit Motoren gewonnen, die in dieser unscheinbaren Werkstatt an der Dieselstraße entstanden sind – und ganz ehrlich: Ein guter Teil der Fahrer, die damit über die Ziellinie fuhren, wusste vermutlich nicht einmal, wessen Handschrift eigentlich unter der Motorhaube steckte. Genau darüber wollte ich mit Holger Spiess reden, dem Mann, der das Erbe seines Vaters heute weiterträgt – und, kleines Geständnis vorweg, ein alter Weggefährte von mir.
Wir kennen uns seit wir fünfzehn waren, damals noch nicht auf Rennstrecken, sondern auf Kreidler-Mopeds durch die Gegend. Manche Freundschaften halten eben, auch wenn sich die PS-Zahlen seitdem deutlich verändert haben.
Wenn er selbst am Motor schraubt, wird er nicht nur schneller, sondern auch zufriedener.
— Holger Spiess
Jürgen Preuß: Herr Spiess, fangen wir mit dem eigentlichen Skandal an – warum kennt kaum jemand den Namen Spiess, obwohl Ihre Motoren an vorderster Front mitgefahren sind?
Holger Spiess: (lacht) Weil wir Motorenbauer sind, keine Selbstdarsteller. Bei uns steht im Rennkalender der Name des Teams, des Fahrers, manchmal des Chassis-Herstellers. Der Motor läuft meistens namenlos mit – dabei ist er oft der Unterschied zwischen Podium und Ausfall. Wir haben Jahrzehnte damit verbracht, einfach nur zu liefern: zuverlässig, konstant, stark. Manche Fahrer haben erst Jahre später erfahren, dass ihr Triebwerk aus Ditzingen kam, und waren regelrecht überrascht. Ehrlich gesagt wird’s jetzt Zeit, dass wir das ändern. Die Leistung, die hier über Generationen erbracht wurde, darf ruhig sichtbarer werden.
Preuß: Dann lassen Sie uns sichtbar machen. Wie hat das eigentlich angefangen?
Spiess: Mein Vater hat auf Motorrädern angefangen, Rennen zu fahren, später kamen die Autos dazu. Und er war dabei Komplettist im besten Sinne: Seine Rennfahrzeuge hat er immer selbst aufgebaut – Rahmen, Fahrwerk, Motor, alles aus einer Hand. Irgendwann hat er gemerkt, dass der Motor der Hebel ist, an dem man am meisten bewegen kann. Rund 1980 hat er sich dann ganz auf die Motorentechnik spezialisiert. Kein Businessplan, keine Marktanalyse – einfach ein Typ, der wissen wollte, wie man aus einem Serienmotor ein Biest macht. Diese Neugier steckt bis heute in jeder Werkbank hier.
Preuß: Und irgendwann kam der Punkt, an dem der Staffelstab weitergereicht wurde.
Spiess: Ja, das war kein Knopfdruck-Moment. Ich bin praktisch im Betrieb groß geworden, stand früh im Blaumann statt im Kindergarten – überspitzt gesagt. Die Übergabe war eher ein langes Hineinwachsen als ein offizieller Termin mit Torte. Mein Vater hat lange mitgeredet, zu Recht, schließlich steckt sein Name auf dem Türschild. Aber irgendwann muss die zweite Generation auch eigene Fehler machen dürfen. Das war der eigentliche Vertrauensbeweis.
Preuß: Reden wir über die Erfolge, die kaum jemand mit Ihnen in Verbindung bringt. Formel 3 zum Beispiel.
Spiess: Das war und ist unser Herzstück. Über viele Jahre saßen in der deutschen und europäischen Formel 3 reihenweise spätere Formel-1-Piloten in Autos mit unseren Triebwerken unterm Blech – teilweise ohne dass sie es damals groß reflektiert haben. Für die war das einfach „der Motor”. Für uns war das der Beweis: Wenn ein Aggregat in dieser Klasse konstant liefert, ist es nicht nur schnell, sondern ehrlich. Kein Feuerwerk, das nach zwei Rennen explodiert, sondern Zuverlässigkeit unter Volllast, Rennen für Rennen, Saison für Saison.
Preuß: Und dann kamen die ganz großen Namen dazu.
Spiess: Genau. 1997 kam Opel mit Motoren für die STW-Meisterschaft, was später die wiederbelebte DTM 2000 war. 2005 folgte VW mit den Motoren für die Touareg-Rennwagen bei der Rallye Dakar – wer dort in der Wüste liegen bleibt, hat keine Werkstatt um die Ecke, da muss ein Motor einfach durchhalten. Auch in die Entwicklung der WRC-Motoren von VW waren wir eingebunden. Und ab 2016 kamen die Porsche-Cup-Motoren dazu. Das Muster war immer dasselbe: Wir waren der Hidden Champion, der Erfolg versprach und dabei ausschließlich im Hintergrund aktiv war. Die Fahrer und Hersteller feiern ihren Sieg, wir feiern still mit – meistens mit Öl unter den Fingernägeln.
Preuß: Apropos Fahrer – ich muss noch was loswerden, bevor wir weiterreden. Man sagt ja, ein guter Spiess-Motor sei manchmal klüger als der Mensch, der ihn bewegt. Was hat es damit auf sich?
Spiess: (grinst) Das ist keine Übertreibung, das ist Erfahrung aus tausend Renneinsätzen. Ein Fahrer unter Adrenalin trifft nicht immer die klügste Entscheidung – zu früh eingekuppelt, eine Drehzahl zu heiß erwischt, ein Gangwechsel im falschen Moment. Genau da fängt unser Job an: Wir bauen Toleranzen, Kennfelder und Sicherheitsreserven so ins Aggregat, dass der Motor Fehler abfedert, die der Kopf im Cockpit unter Stress einfach macht. Der Motor „weiß” im Zweifel früher als der Fahrer, wo die Grenze liegt, und hält trotzdem durch. Das ist kein Zufall, das ist über fünfzig Jahre einprogrammierte Ingenieursdemut – wir bauen für den Ernstfall, nicht für den Idealfall. Insofern: Ja, unser Vierzylinder hat in mancher Nacherzählung tatsächlich die kühleren Nerven behalten als der Mann am Lenkrad.
Preuß: Wer steckt eigentlich hinter dieser stillen Erfolgsgeschichte? Reden wir über das Team.
Spiess: Das ist vielleicht mein liebstes Thema. Wir haben Leute bei uns, die seit Jahrzehnten Motoren bauen – Meister ihres Fachs, die einen Zylinderkopf am Klang erkennen und Toleranzen im Kopf durchrechnen, bevor der Messschieber überhaupt angesetzt ist. Dieses Wissen ist durch nichts zu ersetzen, das kriegt man nicht aus einem Handbuch. Gleichzeitig haben wir junge Wilde an Bord, die mit Simulation, moderner Messtechnik und frischen Ideen reinkommen und einfach alles nach vorne tragen wollen. Die Mischung ist manchmal herrlich unbequem – die einen sagen „das haben wir schon immer so gemacht”, die anderen fragen „warum eigentlich?”. Genau aus dieser Reibung entsteht bei uns Fortschritt. Erfahrung gibt die Substanz, Ungeduld gibt das Tempo. Beides zusammen ist unser eigentliches Kapital – mehr als jede Maschine in der Halle.
Preuß: Sie bauen aber nicht nur nach vorne, sondern auch zurück – klassische Rennmotoren.
Spiess: Genau, das ist mir persönlich fast am wichtigsten. Klassische Rennmotoren zu restaurieren heißt, mit Konstruktionen zu arbeiten, die vor Jahrzehnten mit Rechenschieber und Bauchgefühl entstanden sind. Da braucht es Respekt vor dem Original, aber auch modernes Messwissen, um es originalgetreu und trotzdem alltagstauglich wieder zum Leben zu erwecken. Diese Mischung aus Werkstatt-Romantik und Präzisionsarbeit – das ist Motorsport-DNA pur.
Preuß: Und die Zukunft? Elektrifizierung, neue Kraftstoffe – macht Ihnen das Sorgen oder Lust?
Spiess: Eher Lust, ehrlich gesagt. Der Verbrennungsmotor wird nicht über Nacht verschwinden, aber er verändert sich – Stichwort E-Fuels, synthetische und nachhaltige Kraftstoffe. Das stellt ganz neue Anforderungen an Verbrennung, Werkstoffe, Toleranzen. Genau da wollen wir vorne mitspielen: nicht nur alte Motoren konservieren, sondern zeigen, dass Hochleistungsmotoren auch mit den Kraftstoffen von morgen brillant funktionieren. Über fünfzig Jahre Erfahrung im Motorenbau sind da kein Museumsstück, sondern ein riesiger Werkzeugkasten – und genau die Kombination aus alten Hasen und jungen Wilden im Team ist es, die uns diesen Weg gehen lässt.
Preuß: Letzte Frage: Was würde Ihr Vater sagen, wenn er heute durch die Werkstatt liefe?
Spiess: (lacht) Vermutlich würde er erstmal an irgendeinem Motor schnuppern und dann meckern, dass irgendwas zu sauber aussieht. Aber im Ernst – ich glaube, er wäre stolz, dass wir seinen Ehrgeiz behalten haben, ohne stehen zu bleiben. Und vielleicht würde er sich sogar freuen, dass wir endlich anfangen, laut zu sagen, was wir all die Jahre leise geleistet haben. Das war schließlich sein Antrieb. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Spiess Motorenbau, ansässig in Ditzingen bei Stuttgart, steht seit über 50 Jahren für Kompetenz im Motorenbau und Engineering – als das oft unsichtbare, aber unersetzliche Herz erfolgreicher Rennwagen. Vom klassischen Rennsport bis zu modernen Hochleistungsmotoren mit Blick auf aktuelle Kraftstoffentwicklungen, getragen von einem Team aus jahrzehntelanger Erfahrung und frischem Ehrgeiz.
Jürgen Preuss, infact.digital
Copyright: © Siegfried Spiess Motorenbau GmbH
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