Der stille Gigant will laut werden: HWA EVO.R

Als der straßenzugelassene HWA EVO im Rahmen seines Erprobungsprogramms zum ersten Mal über die Grüne Hölle gejagt wurde, passierte etwas, das auf keinem Datenblatt steht: Die Leute, die dieses Auto gebaut hatten, sahen es fahren. Und sie wollten es nicht mehr hergeben. Der HWA EVO.R war geboren, lange bevor er einen Namen hatte.

Um diesen Schritt zu verstehen, muss man wissen, wer HWA ist. Seit 1998, gegründet von Hans Werner Aufrecht, einem der beiden Namensgeber von AMG, hat das Unternehmen aus Affalterbach fast drei Jahrzehnte lang anderen zum Sieg verholfen: elf Fahrertitel, über 180 Siege in der DTM seit 1988. Die Rennwagen, die Mercedes ins Ziel brachten, wurden hier gebaut und betreut. Nur: Auf dem Auto stand nie HWA. Der talentierteste Teamkollege, den keiner kannte.

Mit dem HWA EVO änderte sich das.
Kein Restomod, sondern eine Neukonstruktion, die dem Mercedes-Benz 190E 2.5-16 Evo II Form und Seele lässt, technisch aber bei null anfängt: neues Chassis, Carbon, Aluminium, kompromisslos auf Performance ausgelegt. Und dann der nächste, ganz logische Gedanke: Wenn wir schon ein eigenes Auto bauen, warum nicht auch damit ins Rennen gehen?

„Der Schritt vom EVO zur Rennversion war eine natürliche Entscheidung, aber auch eine technische Herausforderung“, bringt es HWA-CTO Gordian von Schöning auf den Punkt. Ein Satz, hinter dem Monate harter Arbeit stecken und die Selbstverständlichkeit einer Idee, die einfach richtig ist.

Für CEO Martin Marx ist es dabei keine Kalkulation, sondern ein Gefühl: Die Nürburgring-Nordschleife sei für HWA nach über 25 Jahren im Spitzenmotorsport längst „wie ein zweites Zuhause“. Endlich mit einem eigenen Auto dort anzutreten, war kein Marketing-Move, sondern eine offene Rechnung mit der eigenen Geschichte.

Eine Legende auf dem Weg zur Legende
Wer denkt, der Weg vom EVO zum EVO.R sei eine Frage von Sportauspuff und Aufklebern, hat HWA nicht verstanden. Hier wurde nichts kosmetisch verschärft, sondern neu gedacht: verbreiterte Radläufe, eine überarbeitete Fronthaube mit NACA-Lufteinlässen, Polycarbonat statt Glas, abnehmbare vorderen Türen für Blitz-Fahrerwechsel.

Das gesamte Wochenende waren alle mit Leib und Seele bei diesem Projekt.

— Martin Marx, CEO HWA AG

Eigens entwickelte, gewichtsoptimierte RONAL-Rennfelgen sorgen dafür, dass Gramm da verschwinden, wo sie am meisten wehtun. Unter der Haube: ein hauseigener 3,0-Liter-V6-Biturbo mit rund 560 PS und 670 Nm, geregelt über ein Bosch-Motorsport-Steuergerät, verbunden mit einem sequenziellen Sechsganggetriebe. Ein sechsfach verstellbares Rennfahrwerk von KW und H&R sowie Bremsen von AP Racing geben Vertrauen, bewusst so austariert, dass auch ambitionierte Amateure das Potenzial abrufen können. Verstärktes Monocoque, FIA-homologierter Käfig, Sicherheitstank: Der EVO.R ist gnadenlos ernst gemeint.

Auch technisch blieb nichts dem Zufall überlassen: Die Basis bleibe zwar der EVO, so von Schöning, doch sei jede Komponente konsequent auf die Anforderungen der Rennstrecke zugeschnitten worden. Schon bei den ersten Testfahrten sei sofort klar gewesen, dass das Auto genau das leiste, was man sich vorgestellt hatte.

Wie sich das am Lenkrad anfühlt, weiß niemand besser als Luca Ludwig, der mit dem EVO.R in die Fußstapfen seines Vaters Klaus Ludwig tritt. Im Vergleich zum GT3 bewege sich im EVO.R spürbar mehr, erklärte er nach einem der ersten Renneinsätze. Wer damit wirklich schnell sein wolle, brauche schon „Eier“. Kein Understatement, sondern echte Wertschätzung für ein Auto mit Charakter: Schon in schnellen Passagen sei enormes Potenzial spürbar gewesen, und das Team habe an diesem Tag extrem viel gelernt.

Genauso wichtig war Ludwig dabei der Mut hinter dem Projekt: Die gestiegene Aufmerksamkeit, vor Ort wie online, sei ihm deutlich aufgefallen. Angesichts der Arbeit dahinter empfinde er es als bemerkenswert mutig, dass HWA diesen Schritt samt der nötigen Investition überhaupt gegangen sei. Vor dem Rennen blieb er dabei bodenständig statt großspurig: Er rechnete realistisch mit dem Mittelfeld, hoffte bei sauberem Verlauf aber auf einen Top-30-Platz und ein Klassenpodest.

Die Nacht, die alles bestätigte
Ursprünglich sollten zwei Autos reichen. Doch das Interesse war so groß, dass ein drittes Fahrzeug dazukam. Im HWA EVO.R mit der Startnummer 62 teilten sich gleich drei Männer mit klangvollem DTM-Nachnamen ein Cockpit: Sebastian Asch, Luca Ludwig und Markus Winkelhock, gemeinsam mit Stammfahrer Adam Adelson. Asch und Ludwig sind die Söhne der Mercedes-Tourenwagen-Legenden Roland Asch und Klaus Ludwig, die einst selbst im 190E Evo II gegeneinander um DTM-Titel kämpften, und die, bevor ihre Söhne überhaupt ans Steuer durften, schon in die Entwicklung des Straßen-EVO eingebunden waren. Kein Zufall, sondern eine Verbeugung vor der eigenen Vergangenheit: die Rivalität von einst, jetzt Teamwork in derselben Fahrerkabine.

Für zusätzliche Gänsehaut sorgte der HWA EVO.R #63: Am Lenkrad saß Bruno Spengler, der zwischen 2005 und 2011 selbst für HWA in der DTM fuhr und dort zu einem der erfolgreichsten Fahrer der Serie wurde. Als Martin Marx ihn persönlich anrief, musste er nicht lange überlegen: „Es fühlt sich großartig an, wieder für HWA zu fahren“, sagte er sichtlich bewegt über sein Wiedersehen mit der „Grünen Hölle“ und mit vielen vertrauten Gesichtern aus der eigenen DTM-Zeit.

König Pilsener, Kärcher und SONAX als Partner: Logos, die schon in den frühen Neunzigern auf den DTM-Boliden von Mercedes klebten. Hier fuhren nicht nur drei neue Autos, hier fuhr eine ganze Geschichte mit.

Vor 352.000 Zuschauern, bei wechselhaftem Wetter und zahlreichen Zwischenfällen, folgte die Feuertaufe.
Mitten in der Nacht, nach rund neun Stunden, lieferte Sebastian Asch aus dem Cockpit des #62 einen jener Live-Momente, die ein 24-Stunden-Rennen ausmachen: riskante Reifenwahl bei wechselndem Wetter,
spontaner Wechsel auf Slicks, dann ein Kühlsystem-Leck, das die Box kurz in Atem hielt. „Das Auto hat bis jetzt relativ gut funktioniert“, berichtete er nüchtern zwischen den Dramen und sollte am Ende recht behalten.

24 Stunden später fahren alle drei HWA EVO.R übers Ziel. Der #61 mit Adam Adelson, Lance David Arnold, Jamie Green und Renger van der Zande sicherte sich Rang zwei der SP-X-Klasse. Das DTM-Söhne-Trio im #62 kämpfte sich trotz Kühlerproblem auf Rang drei. Bruno Spengler brachte den #63, gemeinsam mit Christian Gebhardt, Evald Holstad und Peter Ludwig, auf Platz vier ins Ziel. Kein perfektes Rennen, aber ein ehrliches – und ein Debüt, das man sich in Affalterbach nicht besser hätte schreiben können.

Martin Marx konnte das Erlebte danach kaum in Worte fassen, sichtlich noch mitten im Moment: Er sei unglaublich stolz auf den Beitrag jedes Einzelnen im Team, so seine Kernbotschaft, und beeindruckt davon, wie emotional am Ende alle gemeinsam waren. Das gesamte Wochenende habe man mit „Leib und Seele“ an diesem Projekt gehangen.

Auch Gordian von Schöning brauchte nicht viele Worte für die Stimmung in der Box: Emotional und anstrengend sei es gewesen, aber am Ende vor allem eines: überglücklich. Drei Fahrzeuge eingesetzt, alle drei im Ziel: ein Ergebnis, das er als „unvergleichlich und unvergesslich“ bezeichnete.

Und jetzt? Der Anfang von etwas Größerem
Wer glaubt, mit der Zielflagge sei die Geschichte auserzählt, kennt HWA schlecht. Noch während des Renn­wochenendes verkündete das Unternehmen die nächste Ansage: eine auf 15 Exemplare limitierte Kunden­sportversion des HWA EVO.R, technisch direkt vom Nürburgring-Renner abgeleitet, konfigurierbar mit Paketen wie einem „Langstreckenpaket“ oder einem Electronic Kit, dazu ein Support-Programm mit eigenen Technikern und Ersatzteilservice. Kein Nischenprodukt für die Vitrine, sondern ein Werkzeug für alle, die selbst erleben wollen, wofür HWA drei Jahrzehnte lang im Hintergrund gearbeitet hat.

Der HWA EVO.R ist damit mehr als ein neues Kapitel. Er ist der Beweis, dass ein Unternehmen, das jahrzehntelang anderen zum Sieg verhalf, irgendwann auch für sich selbst gewinnen darf, und dass die beste Motorsport­geschichte manchmal die ist, die man sich selbst schreibt.

hwaag.com

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