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LEGENDS OF LE MANS LOTUS EVORA GTE
Du bist schon lange im Motorsport unterwegs – das merkt man sofort an deiner Begeisterung. Was hat dich ursprünglich dazu motiviert, Rennen zu fahren? Gab es vielleicht schon früh so etwas wie einen großen Traum – vielleicht sogar Le Mans?
Professor Wolfgang Henseler: Ich war schon seit meiner Kindheit Motorsport begeistert. Aber es hat sehr lange gedauert von der Carrera-Bahn auf die echte Rennstrecke zu kommen. Beginnend im Kartsport – allerdings war ich da bereits Anfang 50, also keine Aussicht auf ein Formel 1 Engagement – über den Peugeot Spyder Cup als Einstieg in den echten Motorrennsport mit Mitte 50, dann zu
historischen Rennwagen bis hin zu einem aktuellen Lotus Emira GT4. Ab 18 war ich quasi jeden Sommer beim Oldtimer Grand Prix am Nürburgring und träumte immer davon, da einmal mitfahren zu können. Allerdings musste ich noch ein wenig arbeiten bis mir die finanziellen Mittel zur Verfügung standen. In diesem Jahr sind die Teilnahme an der Le Mans Classic und den Legends of Le Mans, Goodwood Revival und mit meinem Lotus 18 die Starts bei der HGPCA Serie sicherlich die Highlights. Ein Taum/Ziel wäre dann als nächstes noch die Teilnahme am Monaco Historie GP.
Jürgen Preuß: Man merkt, wie früh diese Faszination begonnen hat. Gab es denn einen ganz bestimmten Moment, der dich endgültig überzeugt hat, selbst aktiv in den Rennsport einzusteigen?
WH: Mein Vater war schon immer Auto begeistert und das erste Foto von mir am Steuer zeigte mich als als Zweijährigen hinter dem Steuer von unserem damaligen Kadett stehe. Le Mans, Monaco, die Formel 1 oder das Indy 500 faszinierten mich solange ich denken kann. Der Geruch von Rizinusöl und die kreischenden Motoren der Rennwagen im alten Fahrerlager des Nürburgrings fand ich schon immer einfach nur geil.
JP: Kommen wir zu deinem aktuellen Fahrzeug – eine spannende Wahl. Was hat dich dazu bewegt, dich genau für dieses Auto zu entscheiden? Und war es vielleicht schon Teil deiner Sammlung?
WH: Den Lotus Evora GTE hatte ich während Corona im Internet bei wirewheels.com gesehen und ihn unmittelbar danach erworben. Das Auto hat eine tolle Historie mit dem Le Mans Rennen, der Teilnahme an der Le Mans World Series in 2011 und der American Le Mans Series in 2012. Als Lotus Enthusiast passte das Fahrzeug also genau in meine Lotus-Sammlung. Es gibt übrigens ein tolles Video von Lotus auf Youtube über die Entstehungsgeschichte des Autos – Lotus – The Road to Le Mans. Unbedingt sehenswert, da das ganze Fahrzeug innerhalb von NUR vier Monaten entstanden ist, eigentlich kaum vorstellbar.
JP: Gerade bei Rennfahrzeugen ist die Balance entscheidend: Welche Rolle spielen für dich Performance und Zuverlässigkeit bei dieser Wahl?
WH: Performance und Zuverlässigkeit sind die beiden Key-Komponenten, wenn man im Rennsport erfolgreich sein will. Egal ob Formel 1, historischer oder moderner Motorsport zählen die Balance of Performance sowie das sichere Ankommen am Ende eines Rennens, zu den beiden Kernfaktoren, mit denen man Rennen gewinnt. Es heißt nicht umsonst „To finish first – you have to finish first!“.
JP: Und Hand aufs Herz – spielt auch der Stil eine Rolle? Das Auge fährt ja bekanntlich mit.
WH: Sicherlich auch. Beim einem Lotus spielen Aussehen, Performance und Gewicht schon immer eine zentrale Rolle. Und wenn der Lotus dann noch in der wohl bekanntesten Farbgebung „Black&Gold“ daher kommt, dann ist das schon ein Statement. Zudem ist der Lotus Evora GTE extrem breit und vom Erscheinungsbild her ästhetisch einfach sehr gut ausbalanciert. Du merkst es bei jeden Rennen, dass die Besucher, Zuschauer, Veranstalter und die Presse das Auto und dessen Sound lieben.
JP: Wenn man auf die Rennpraxis schaut – was sind aus deiner Sicht die größten Herausforderungen am Rennwochenende?
WH: Nun ja, der Lotus ist aus dem Jahr 2011 und in der Legends of Le Mans Rennserie damit eines der ältesten Fahrzeuge (Anm.: Die LOLM Serie lässt Fahrzeuge in der GTE Klasse von 2011 bis 2020 zu). Deshalb spielt vor allem die Technik eine wichtige Rolle, sprich hält immer alles am Rennwochenende. Vor allem die originale Elektronik ist schon eine Herausforderung. Da gibt es wenig detaillierte Infos drüber, was die Entwickler von Cosworth in 2011 in die ECUs alles hineinprogrammiert haben. Das bedeutet viel Try & Error für mein Team, um das Auto optimal vorzubereiten und während des Rennens relevante Daten sammeln und nutzen zu können.
JP: Das klingt nach echter Teamarbeit. Wie eng bist du in die Arbeit mit den Mechanikern eingebunden?
WH: Ich habe mit Komo-Tec das perfekte Team für das Auto. Die haben extrem viel Lotus Erfahrung. Allerdings waren sie bei diesem speziellen Fahrzeug selbst überrascht, was Lotus in 2011 alles bei diesem Auto anders gemacht hat, als beispielsweise einem Lotus Evora GT4 Rennwagen. Beim Lotus Evora GTE ist wirklich alles sehr speziell auf das 24h Rennen in Le Mans hin entwickelt worden. Und da ist jedes Bit und Byte anders.
JP: Nach den Tests geht es ja oft in die Feinabstimmung. Welche Anpassungen habt ihr konkret vorgenommen?
WH: Nach dem zweitätigen Test im März in Paul Ricard gab es noch einige kleine Anpassungen bezüglich des Schaltverhaltens. Ansonsten wurde alles routinemäßig durchgeschaut und rennvorbereitet bevor es zum Saisonauftakt nach Imola zur WEC ging.
JP: Und wenn im Rennen selbst etwas Unvorhergesehenes passiert – wie reagiert ihr darauf? Wie groß ist dein Team eigentlich?
WH: (Lacht) Die versuchen wir unkonventionell, schnell, pragmatisch und professionell zu lösen, wie professionelle Rennteams eben. Unsere Daten aus dem Auto gehen auch nach Indien, wo Entwickler die Mappings analysieren, optimieren und uns wieder zurückspielen, damit wir sie wieder aufs Auto laden können. Das Team vor Ort ist sehr klein, das sind nur zwei Leute neben mir. Ein Teamchef, der gleichzeitig Dateningenieur ist und ein Chefmechaniker, der alles außer Daten rund ums Auto macht. Ein extrem
professionelles und mega kompetentes Team.
JP: Die Vorbereitung scheint enorm wichtig zu sein. Wie intensiv ist denn die Testphase vor einem Rennen?
WH: Meistens wird am Anfang der Saison getestet, um zu schauen, dass alles passt und man sich als Fahrer im Auto wohlfühlt. Da gibt es immer eine Menge an Kleinigkeiten, um die Performance des Autos und Fahrers zu optimieren. Mit dem Lotus Evora GTE waren wir mit dem Team und Peter Auto im März zwei Tage in Paul Ricard testen, was ungeheuer wichtig war, um möglichst viele Daten vom Auto zu bekommen und zu schauen, dass nach der langen Standphase und des gründlichen Refreshs des Autos alles funktioniert. Wir haben viele Mappings ausprobiert, geschaut ob die Motortemperatur passt, Schaltschemen verbessert, den Benzinverbrauch
gemessen, Aerodynamik verändert uvm.
JP: Und welche dieser Erkenntnisse waren am Ende besonders entscheidend?
WH: Erst einmal die gesammelten Daten und unterschiedlichen Mappings. So ein Test- und Einstelltag ist immer wichtig, um Daten zu sammeln, Dinge auszuprobieren und zu optimieren. Veränderungen an der Aero, Balance etc. vorzunehmen und Fahrer und Team aufeinander abzustimmen. Vor allem bei etwas älteren Fahrzeugen, wie dem Lotus Evora GTE müssen sehr viele Details fein getuned werden. Alleine die Anpassungen an der Aero haben uns über 18 km/h an Endgeschwindigkeit gebracht.
JP: Gerade in so einem intensiven Umfeld spielt Vertrauen sicher eine große Rolle. Wie wichtig ist das Vertrauen innerhalb des Teams für dich persönlich?
WH: Es ist sehr wichtig, da du in einem Auto sitzt, mit dem du dich immer am Extrem bewegst und da benötigst du entsprechendes Vertrauen ins Team, das dein Auto vorbereitet und natürlich ins Auto, dass alles hält und funktioniert. Ich habe aus diesem Grund ein Team gewechselt, bei dem genau das nicht der Fall war und ich am Nürburgring mit meinem Lotus Eleven eingeschlagen bin. Das willst du nicht haben.
JP: Das zeigt, wie entscheidend die Basis abseits der Strecke ist. Wie bereitest du dich denn körperlich und mental auf ein Rennen vor?
WH: Die wichtigsten Trainings für mich sind Kartfahren, Joggen und Motorsport spezifische Trainingseinheiten z. B. zum gezielten Stärken der Hals- und Beinmuskulatur. Aber auch Reaktionstrainings und Multitasking-Übungen, bei denen ich versuche die Komplexität, die während eines Rennens vorkommt, beherrschbar zu machen. Essentechnisch viel Fisch, Pasta, Reis und leckeres Gemüse. Ich esse sehr gerne italienisch oder japanisch.
JP: Gibt es vor dem Start auch Rituale oder Routinen, die dir helfen, in den richtigen Fokus zu kommen?
WH: Eigentlich nicht. Vielleicht, dass ich immer einen Löffel Nutella als Energiespender esse bevor ich ins Auto steige. Ansonsten im Auto sitzend, mögliche Startvarianten mental durchspiele sowie die Rennstrecke im Kopf noch einmal abfahre.
JP: Nutella als Rennstrategie – das hat man auch nicht alle Tage. Wenn wir ins Rennen selbst gehen: Was war bisher dein intensivster Moment auf der Strecke?
WH: In Imola, in der dritten Runde als ich einen LMP2 überholen konnte. Vorher konnte ich ja bereits in Runde eins den schnellen Aston Martin Vantage GTE (Baujahr 2020) ausbremsen und vorbeiziehen, aber ein LMP2 mit einem GTE zu überholen ist schon ein besonderes Schmankerl. Die sind ja nicht in meiner Klasse, sondern als Prototyp in einer sehr viel schnelleren Klasse und da freut man sich natürlich schon, wenn man beim Anbremsen oder in den schnellen Kurven so ein Auto überholen kann. Meist kommen sie auf den Geraden aufgrund der höheren Endgeschwindigkeit aber wieder an dich ran oder wieder vorbei. Dann geht das Ganze in der nächsten Runde von vorne los.
JP: Das klingt nach einem enormen Adrenalinlevel. Wie verändert sich dabei dein Gefühl für Zeit und Geschwindigkeit während eines Rennens?
WH: Leider haben wir keine Klimaanlage im Auto, was wie in Imola dazu führt, dass du bei der Quali oder Rennen schnell Temperaturen von über 45° Grad im Auto hast. Das bedeutet vorher viel Trinken, Magnesium und Elektrolyte nehmen. Im Rennen ist das Adrenalin so hoch, da merkst du nichts – da bist du so auf deine Bremspunkte, dein Rennumfeld und den Boxenfunk fokussiert, das du wie im Tunnel unterwegs bist.
JP: Viele stellen sich vor, dass sich mit der Zeit eine gewisse Routine einstellt. Wird das Fahren irgendwann „automatisch“, sodass du dich stärker auf die Strategie konzentrieren kannst?
WH: Schön wäre es, aber auch im Rennen verändert sich von Runde zu Runde vieles. Die Reifen bauen langsam ab. Dann hast du kein Renn-ABS oder sonstige elektronische Helferlein, so wie in den modernen Rennautos, Kieselsteine liegen auf einmal in einer Kurve weil einer durchs Kiesbett gerattert ist und sich dein Grip-Niveau verändert, eventuell Öl, oder wie in Imola, wo auf einmal ein springendes Rad, welches ein LMP1 verloren hatte, dir vor der Nase rumspringt.
JP: Das zeigt, wie unberechenbar Motorsport sein kann. Gibt es eine Situation, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
WH: In Imola eine Szene in der Quali, als mich vor der Tosa Kurve ein LMP1 überholt hat und sich überschätzte und unmittelbar vor mir drehte. Das war echt knapp. Kann man sich auf Instagram anschauen. Und beim zweiten Rennen, in der Startaufstellung stehend, fährt mir ein LMP2, der in seine Startbox wollte, einfach hinten ins Auto – ohne Worte diese Gentlemen Driver. Im Rennen dann meine schon erwähnten Überholvorhänge.
JP: Wenn wir auf das Thema Erfolg schauen: Was bedeutet ein erfolgreiches Rennen für dich persönlich?
WH: Erfolg ist für mich, wenn ich es schaffe aufs Treppchen zu kommen. Und dann ein extremes Glücksgefühl (sehr viele Glückshormone) und Vorfreude auf das Podium, den Pokal und natürlich den Champagner. Und gemeinsam mit dem Team und den Zuschauern den Erfolg zu teilen/feiern.
JP: Und wie siehst du das Verhältnis zwischen Ergebnis und Leistung: Zählt für dich mehr die Platzierung – oder ein fehlerfreies Rennen?
WH: Hängt nicht beides zusammen? Ich glaube, es gibt nichts Frustrierenderes für einen Rennfahrer, wenn er nicht ins Ziel kommt und fehlerfrei bist du eh bei keinem Rennen. Wenn der Fehler natürlich dazu führt, dass du Plätze verlierst, dann tut es weh und du knabberst natürlich noch ein paar Tage daran und versuchst aus dem Fehler zu lernen.
JP: Zum Schluss noch ein Blick zurück – und nach vorn: Worauf bist du in deiner bisherigen Karriere besonders stolz? Und welche Ziele hast du noch?
WH: Auf den GT-Meistertitel im Lotus Cup Europe 2024 im neuen Lotus Emira GT4 und meinem völlig überraschenden dritten Platz bei meinem ersten Start in Goodwood, mit meinem kurz zuvor erworbenen und bis dahin noch nie gefahrenen Lotus 23C beim Goodwood Revival 2025. Das war schon mega.
JP: Danke für diese inspirierenden Einblicke – und viel Erfolg auf deinem weiteren Weg, vielleicht ja schon bald in Monaco.
Prof. Wolfgang Henseler
DIGITALE TRANSFORMATION – Umdenken, Neudenken, Vordenken.
Prof. Wolfgang Henseler ist ein führender Experte
für kreative Technologie, digitale Transformation
und nutzerzentrierte Geschäftsmodelle. Als Gründer von SENSORY-MINDS und Professor für Intermediales
Design verbindet er wissenschaftliche Tiefe mit
unternehmerischer Relevanz. Mit seinem einzigartigen Mix aus Wissenschaft, Design und Strategie inspiriert
er Unternehmen dazu, Technologie mit Empathie
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