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Solitude Revival: Das Interview
Die Solitude bei Stuttgart war von den Anfängen des Motorsports bis 1965 eine der prägenden Rennstrecken Deutschlands, und der Solitude Revival e.V. hält diese Geschichte seither auf dem Asphalt lebendig. Das nächste Revival findet vom 16. bis 18. Juli 2027 statt.
Wir sprechen darüber mit Wolfgang Ziegler, 1. Vorsitzender, der im Verein für die Historie und den Erhalt des Kulturgutes Automobil steht, und mit Kay Rimmele, 2. Vorsitzender, der das Event für die Zukunft aufstellt. Die Fragen stellt Jürgen Preuß für The Power Pit.

1903: Ein Bergsprint und die Geburtsstätte des Automobils
Jürgen: Wolfgang, die Geschichte der Solitude-Rennen wird ab 1903 erzählt. Was war das für ein Anfang?
Wolfgang: Ein Bergsprint, vor allem für Motorräder, rund vier Kilometer lang, vom Stuttgarter Westen hinauf zum Schloss Solitude. Der Anstieg war steil. Hersteller wie NSU und Adler meldeten Maschinen, organisiert wurde das Ganze von Radsportlern aus der Region. Wir haben 2003 hundert Jahre Solitude gefeiert, deshalb zählen wir ab 1903. Manche Quellen nennen 1904. An der Geschichte ändert das wenig: Die Leute hatten früh verstanden, dass sich an diesem Berg zeigen lässt, was ein Fahrzeug kann.
TPP: Stuttgart und Württemberg gelten als Geburtsstätte des Automobils. Welche Rolle spielte die Region, als diese ersten Rennen stattfanden?
Wolfgang: Eine zentrale. 1886 erhielt Carl Benz in Mannheim sein Patent auf den Motorwagen, im selben Jahr fuhr in Cannstatt Gottlieb Daimlers erste Motorkutsche. Dort entstand 1890 die Daimler-Motoren-Gesellschaft, und Wilhelm Maybach entwickelte die Motoren dazu. Ebenfalls 1886 eröffnete Robert Bosch in Stuttgart seine Werkstatt für Feinmechanik und Elektrotechnik. Um diese Namen herum gab es Werkstätten, Zulieferer und Handwerker, die Teile bauen konnten, die es vorher nicht gab. Daraus wuchs eine Industrie, die die Region bis heute prägt. Als an der Solitude die ersten Rennen gefahren wurden, saßen auf den Maschinen oft Menschen, die das Ding selbst mitentwickelt hatten.
TPP: Wozu dienten solche Rennen den Herstellern?
Wolfgang: Als Prüfstand und als Schaufenster. Was den Berg hinaufkam und wieder herunter, ließ sich besser verkaufen. Die Solitude war für sie eine Heimstrecke vor der Haustür, mit einem Publikum, das sich auskannte.
1925: Das erste Rundstreckenrennen
TPP: 1925 wurde aus dem Bergrennen ein Rundstreckenrennen. Wie muss man sich das vorstellen?
Wolfgang: „Rund um die Solitude“ hieß das Rennen. Die Runde war gut 22 Kilometer lang, Start und Ziel lagen am Schloss. Es gab 28 Kurven und Steigungen bis 15 Prozent. Schon damals verglich man den Kurs mit der Targa Florio auf Sizilien. Das sagt etwas über den Anspruch: Die Fahrer hatten keine Zeit zum Durchatmen, und die Fahrzeuge wurden auf der ganzen Länge gefordert.
TPP: Wo stand die Technik Mitte der Zwanziger, und was bedeutete das für Stuttgart?
Wolfgang: Der Kompressormotor war die große Neuheit im Rennwagenbau. Bei Mercedes wurde er im Wettbewerb entwickelt und wanderte danach in die Serie. Ein Mercedes Targa-Florio-Rennwagen von 1924 stand 2024 beim Revival wieder am Start. Für die Region hieß das: Was in Untertürkheim und bei den Zulieferern im Raum Stuttgart entwickelt wurde, bekam auf der Solitude eine öffentliche Prüfung. Ein Jahr nach dem ersten Rundstreckenrennen, 1926, schlossen sich Daimler und Benz zur Daimler-Benz AG zusammen. Die Marke war damit endgültig in Stuttgart verankert.
TPP: Auf die frühen Jahre folgte zunächst ein Rückschlag.
Wolfgang: Ja. 1928 wurden die Autos aus Sicherheitsgründen von der Strecke genommen, bis 1937 fuhren nur noch Motorräder. 1931 wurde der Kurs auf 19,9 Kilometer gekürzt, 1935 kam der 11,5 Kilometer lange Kurs durch das Mahdental mit Start und Ziel am Glemseck. Das ist bis heute der Kern des Geländes, auf dem wir fahren. Das letzte Vorkriegsrennen fand 1937 statt.
Rennwagen, Motorräder und die Fahrer der Solitude
TPP: Nach dem Krieg kam die große Zeit der Solitude. Wie lief der Neustart?
Wolfgang: Zuerst nur auf zwei Rädern. 1949 gab es das erste Nachkriegsrennen für Motorräder, 1950 den Großen Preis von Deutschland, und ab 1952 zählte die Solitude zur Motorrad-Weltmeisterschaft. Die Zahlen der Zuschauer ging nach historischen Quellen auf über 400.000 hoch. Die Straßen rund um den Kurs waren voll mit begeisterten Stuttgartern.
TPP: Und die Autos?
Wolfgang: Die kamen 1956 zurück, nachdem die Strecke auf zwölf Meter verbreitert worden war, so verlangte es die FIA. 1960 gab es das Formel-2-Rennen, an das sich viele noch erinnern: Wolfgang Graf Berghe von Trips im Ferrari 156 gegen Hans Herrmann im Porsche 718. Herrmann ließ Trips in der letzten Runde vorbei, um keine gefährliche Situation zu riskieren. Von 1961 bis 1964 fuhr man hier Formel-1-Rennen ohne WM-Status. Am Start waren Jim Clark, Dan Gurney, John Surtees, Jack Brabham, Innes Ireland und natürlich Herrmann. Den Streckenrekord hält bis heute Jim Clark aus dem Jahr 1963.
TPP: Und bei den Motorrädern?
Wolfgang: 1964 wurden alle sechs WM-Klassen gefahren, mit Namen wie Mike Hailwood, Jim Redman, Phil Read und Giacomo Agostini. Viele Rundenrekorde fielen in diesem Jahr.
TPP: Zum Gründerkreis des Vereins gehören Fahrer, die hier selbst Rennen gefahren sind. Wer waren sie?
Wolfgang: Acht Gründungsmitglieder: Hans Herrmann, Herbert Linge, Eberhard Mahle, Paul Ernst Strähle, Paul Pietsch, Eugen Böhringer, Walter Schock und Manfred von Brauchitsch. Sie haben auf der Solitude Rennen gewonnen und blieben dem Revival bis zum Ende ihres Lebens verbunden. Hans Herrmann, 1928 in Stuttgart geboren, gewann 1960 Sebring und die Targa Florio, wurde Formel-2-Europameister und holte 1970 den ersten Gesamtsieg für Porsche in Le Mans. Herbert Linge, 1928 in Weissach geboren, kam 1949 als Mechaniker zu Porsche. 1954 gewann er mit Herrmann bei der Mille Miglia eine Klasse. Beide kennen den Kurs aus der Zeit, als hier noch um Sekunden gefahren wurde. Eberhard Mahle ist in mehreren Rennklassen 210 mal gestartet und hat 150 Siege eingefahren.
TPP: 1965 war Schluss. Warum?
Wolfgang: Der Kurs galt als zu gefährlich: enge Kurven, Zuschauer dicht an der Strecke, kaum Auslaufzonen. 16 Fahrer sind dort ums Leben gekommen, zwei im Automobil- und 14 im Motorradsport. Beim letzten Rennen 1965 sahen rund 200.000 Menschen zu. Das gehört zur Geschichte, und wir erzählen es mit. Herbert Linge hat 1972 die Sicherheitsstaffel der Obersten Nationalen Sportkommission gegründet. Für mich zählt das zu den wichtigsten Folgen dieser Jahre.
TPP: Kay, wie sieht das Starterfeld heute aus?
Kay: Beim Revival 2024 standen rund 400 Nennungen am Start, von Vorkriegsmaschinen bis zu aktuellen Rennwagen, auf zwei, drei und vier Rädern. Porsche brachte unter anderem einen 550 Spyder zu Ehren von Herbert Linge. Der Landrat fuhr im ONS-Sicherheitsfahrzeug mit, einem Porsche 914/6 GT, den Linge früher selbst bewegt hat. Solche Momente zeigen, dass die Geschichte hier nicht erzählt wird, sondern gelebt.
Die Gründung des Solitude Revival e.V.
TPP: Wolfgang, wie kam es zur Gründung des Vereins?
Wolfgang: Die Fahrer, die hier noch im Wettbewerb unterwegs waren, wollten nicht, dass die Solitude nur in Büchern bleibt. 2003, zum hundertjährigen Jubiläum, kamen historische Fahrzeuge und Rennlegenden zusammen. Zu den angekündigten Gästen zählten Hans Herrmann, Dan Gurney, Phil Read, Jim Redman und Richard Attwood. Daraus entstand der Gedanke, die Strecke dauerhaft wieder erlebbar zu machen, und mit den Gründungsmitgliedern hatten wir Menschen, die genau wussten, wie sich dieser Kurs gefahren hat.
TPP: Wie lautet die Zielsetzung?
Wolfgang: Wir wollen das Kulturgut Automobil erhalten. Konkret heißt das: die Geschichte der Solitude dokumentieren und weitergeben, und die Fahrzeuge dort bewegen, wo sie hingehören, auf der Strecke und nicht in Sammlungen. Ein Auto, das nur im Museum steht, verliert einen Teil seiner Geschichte. Wir wollen, dass man es hört, riecht und sieht, so wie es damals gefahren wurde.
TPP: Wer trägt den Verein?
Wolfgang: Die Mitglieder, ehrenamtlich. Wir suchen immer Helfer: Streckenposten, Helfer bei Auf- und Abbau, Unterstützung bei Social Media, dazu Foodtrucks und weitere Partner, kleine wie große. Wer positiv mitmachen will, ist herzlich willkommen.
Partner, Sponsoren und der kulturelle Wert
TPP: Porsche und Mercedes-Benz begleiten die Veranstaltung seit Jahren, dazu der ADAC und weitere Partner. Was bedeutet diese Unterstützung?
Wolfgang: Sie ist die Grundlage. Mercedes-Benz und Porsche holen historische Fahrzeuge aus ihren Sammlungen und lassen sie fahren. 2024 brachte Porsche sieben Sportwagen mit, darunter den 550 Spyder, und feierte 50 Jahre Turbo. Mercedes-Benz Classic hatte ein eigenes Programm. Beim ADAC schließt sich ein Kreis: Der Club geht auf die 1903 in Stuttgart gegründete Deutsche Motorradfahrer-Vereinigung zurück, die 1911 zum ADAC wurde. Die Verbindung zur Solitude ist also älter als jedes Revival. Dazu kommen viele weitere Partner und Förderer.
TPP: Kay, was braucht es, damit so ein Wochenende wirtschaftlich trägt?
Kay: Eine Rennveranstaltung auf gesperrten öffentlichen Straßen verlangt Genehmigungen, Sicherheitskonzept, Streckenbau und viele Helfer. Das lässt sich nur mit einem breiten Fundament stemmen: Partner aus der Industrie, Eintritt, öffentliche Förderung von Stadt und Landkreis und ehrenamtliche Arbeit. Die finanzielle Lage ist angespannt, das haben wir offen kommuniziert. Mein Auftrag ist, die Veranstaltung auf mehr Schultern zu verteilen und die Kosten im Griff zu behalten, damit sie langfristig Bestand hat.
TPP: Welchen kulturellen Wert hat das Revival?
Wolfgang : Wir zeigen Kulturgut in Bewegung. 2024 kamen nach Angaben des Veranstalters rund 10.000 Besucher, obwohl es am Samstag heftig regnete. Sie stehen an der Strecke und hören Motoren, die seit Jahrzehnten niemand mehr so gehört hat. Gleichzeitig treffen Zeitzeugen auf junge Leute, die diese Fahrzeuge nur aus Büchern kennen. Wissen über Technik, Handwerk und Rennsport wird so weitergegeben, wie es kein Buch kann.
Umweltverantwortung: klimaneutral im Rennbetrieb
TPP: Historische Rennwagen und Klimaschutz, passt das zusammen?
Kay: Wir nehmen das ernst. Das Event wird über Klimakraftstoffe und Kompensation klimaneutral gestellt. Wo es technisch möglich ist, laufen die Fahrzeuge mit synthetischen Kraftstoffen, die verbleibenden Emissionen gleichen wir mit einem Energielieferanten aus. Ein Vorbild gab es 2024: Porsche ließ drei Fahrzeuge mit eFuels fahren, den 550 Spyder, den 911 Carrera 2 Cup und einen 911 GT3 Rallye.
TPP: Wolfgang, wie sehen Sie das als Hüter der Historie?
Wolfgang: Erhalt bedeutet auch, dass diese Fahrzeuge eine Zukunft haben. Wenn sich ein 60 Jahre alter Rennwagen mit Klimakraftstoff fahren lässt, ist das für die Szene eine gute Nachricht. Die Autos müssen dafür nicht verändert werden.

Ausblick: Solitude Revival 2027
TPP: Kay, das Revival 2026 ist ausgefallen. Wie geht es weiter?
Kay: Wir wollten den Termin von Juli in den September verlegen, haben aber keinen Termin gefunden, der für Sponsoren, Behörden und alle Beteiligten passte. Dazu kamen die Kosten. Jetzt steht der Termin: Das Solitude Revival 2027 findet vom 16. bis 18. Juli statt. Nennungen sollen ab Ende 2026 online möglich sein. Die Museen von Porsche und Mercedes-Benz haben früh signalisiert, die Veranstaltung auch 2027 tatkräftig zu unterstützen.
TPP: Welchen Platz hat die Solitude unter den Rennstrecken?
Kay: Sie gehört zu den schönsten Naturrennstrecken der Welt und ist mit der Targa Florio ebenbürtig. Fahrer, Besucher und Sponsoren sehen das Solitude Revival als festen Bestandteil ihres Kalenders. Elf Kilometer durch Wald und Hügel, direkt vor der Haustür von Stuttgart und Leonberg: Das lässt sich nicht nachbauen.
TPP: Wer trägt das Revival in die nächsten Jahre?
Kay: Der Klub Solitude Revival e.V. hat viele junge Mitglieder. Sie arbeiten mit, bringen eigene Ideen ein und sind der Grund, warum mir um die Zukunft nicht bange ist. Das Interesse, auch über weitere Formate nachzudenken, ist im Klub groß. Wir gehen offen in diese Zukunft.
TPP: Zum Schluss: Was verbindet die Solitude von 1903 mit der Solitude von 2027?
Kay: Das Automobil ist in Stuttgart entstanden und aus dieser Stadt nicht wegzudenken. Das Solitude Revival verbindet den Mythos des Solitude-Rennens mit der Zukunft der Mobilität.
Wolfgang: Dem schließe ich mich an. Wer die Geschichte dieser Strecke kennt, fährt sie anders. Wir laden alle ein, die dabei sein wollen, als Zuschauer, als Fahrer oder als Helfer.
Fazit
Die Geschichte der Solitude Rennen begann in Stuttgart, und sie ist längst nicht zu Ende erzählt. Wolfgang sorgt dafür, dass sie nicht verloren geht. Kay sorgt dafür, dass sie weitergefahren werden kann. Im Gespräch wurde spürbar, wie viel Erinnerung, Ehrenamt des Solitude Revival e.V. und seinen Mitgliedern sowie Sorgfalt in jedem dieser Wochenenden steckt.
Im Namen von The Power Pit danke ich beiden für ihre Zeit und ihre Offenheit. Für das Solitude Revival vom 16. bis 18. Juli 2027 wünsche ich eine tolle Veranstaltung: ein volles Starterfeld, Sonne über dem Mahdental, begeisterte Besucher und Motoren, die man noch lange im Ohr behält. Wir freuen uns darauf.
Jürgen Preuß, Redaktion The Power Pit
